Neu

Neueste Insights gefällig? Jetzt lesen!

Futuristische digitale Uhr mit leuchtenden blauen und orangefarbenen Elementen auf einer abstrakten Leiterplatten-Oberfläche. Die Nahaufnahme zeigt ein technisch wirkendes Zifferblatt mit schwebenden Lichtpunkten und vermittelt Themen wie Zeitmanagement, Technologie und digitale Vernetzung.

Wenn Zeit entscheidend ist: Die digitale Transformation des Vein-to-Vein-Prozesses für ATMPs

Warum integrierte Datenflüsse und risikobasierte Validierung für Patienten und Pharmaunternehmen entscheidend sind

Von bahnbrechender Wissenschaft zur operativen Realität

Advanced Therapy Medicinal Products (ATMPs), darunter Zell- und Gentherapien, verändern die personalisierte Medizin grundlegend. Sobald patientenspezifische Therapien entwickelt und zugelassen sind, hängt ihr medizinisches Potenzial von einer anspruchsvollen operativen Voraussetzung ab: Sie müssen rechtzeitig beim Patienten ankommen, eindeutig zugeordnet, regulatorisch konform und unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt werden.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2023 unter mehr als 500 Herstellern gaben 83 % an, ATMPs in ihrer Pipeline zu haben. Gleichzeitig befindet sich die Kommerzialisierung im Vergleich zu klassischen Pharma-Maßstäben noch in einem frühen Stadium: Die weltweiten Ausgaben für Zell- und Gentherapien beliefen sich 2023 auf 5,9 Milliarden US-Dollar, machen jedoch weiterhin nur einen kleinen Anteil der globalen Arzneimittelausgaben (~1 %) aus. Öffentliche FDA- und EMA-Listen zeigen zudem einen Markt, der zwar wächst, aber noch stark konzentriert ist: weltweit rund 45 zugelassene Produkte von etwa 40 Unternehmen. Genau diese Kombination aus schneller Innovation und früher Kommerzialisierungsphase macht operative Exzellenz zu einem entscheidenden Differenzierungsfaktor.

Kontakt

Sherko-Soltanpanahi-mia

Sherko Soltanpanahi

Manager SAP Data Governance

Warum der Vein-to-Vein-Prozess und die Losgröße „eins“ kritisch sind

Viele Pharmaunternehmen treiben ATMPs voran, doch Herstellung und Lieferkette sind weiterhin durch manuelle Prozessschritte, begrenzte Skalierbarkeit, Konsistenzrisiken und enge Zeitfenster geprägt.

Dass etwa 20 % der Patienten sterben, während sie auf eine CAR-T-Zelltherapie warten, lässt sich nicht allein auf Schwächen digitaler Prozesse zurückführen. Die Zahlen verdeutlichen jedoch, warum Verbesserungen bei Prozessqualität, Datenmanagement, Koordination und Freigabezeiten unmittelbar relevant sind.

ATMP-Prozesse folgen einer strikten Make-to-Order-Logik: eine Patientenanfrage, ein Batch, ein therapeutisches Zeitfenster.

Es gibt keine Sicherheitsbestände und keine spätere Austauschbarkeit. Selbst geringfügige Störungen können zu verpassten Produktionsslots, verschobenen Infusionsterminen oder im schlimmsten Fall zum Verlust einer zeitkritischen Therapiechance führen.

Diese Logik erhöht die Anforderungen an Kontrolle und Rückverfolgbarkeit erheblich.

Zwei zentrale Kontrollkonzepte stehen dabei im Mittelpunkt des Vein-to-Vein-Prozesses:

  • Chain of Identity (COI): Gewährleistet, dass die Therapie vom Zeitpunkt der Entnahme über die Herstellung bis zur Reinfusion eindeutig dem richtigen Patienten zugeordnet bleibt (Patient ↔ Ausgangsmaterial ↔ Endprodukt).
  • Chain of Custody (COC): Dokumentiert, wer zu welchem Zeitpunkt für die Probe verantwortlich war – über jede Übergabe hinweg (Klinik, Logistikdienstleister, CDMO/Hersteller, QA/QP-Freigabe und Rückführung zur Klinik).

In der Praxis bedeutet dies: Der Erfolg von ATMPs hängt von einer durchgängigen Orchestrierung über mehrere unabhängige Organisationen und Systeme hinweg ab.

Infografik eines achtstufigen Prozesses für Kühlketten- und Probenmanagement auf dunklem Hintergrund mit nummerierten Symbolen. Dargestellt werden Blutentnahme, gekühlter Transport, Probenentnahme, genetische Analyse, mikrobiologische Untersuchung, Tiefkühllagerung von Proben, Kühlkettenlogistik und Patienteninfusion. Im unteren Bereich zeigt ein Abschnitt „Key Enablers“ unterstützende Technologien und Infrastruktur.

Von der Entnahme bis zur Infusion: die wichtigsten Schritte entlang des Zell- und Gentherapieprozesses.

Von manueller Koordination zur kontrollierten Datenorchestrierung

Da der Vein-to-Vein-Prozess grundsätzlich über mehrere Partner hinweg organisiert ist, liegt der wirkungsvollste Hebel nicht in „einem weiteren Tool“, sondern in Datenkontinuität, klarer Datenverantwortung und Governance über Organisationsgrenzen hinweg. In der Praxis entstehen viele Verzögerungen und Risiken dadurch, dass kritische Informationen über Kernsysteme wie ERP, MES, LIMS und QMS, Logistikplattformen sowie klinische Systeme verteilt sind – ohne konsistente Identifikatoren, Regeln und Verantwortlichkeiten.

Ein bewährter Ansatz ist ein ereignisbasiertes „Patient-Batch-Record“: ein kontrolliertes Datenobjekt, das klinische Meilensteine, Logistikereignisse, Produktionsausführung, Qualitätsdaten und Freigabestatus in einer konsistenten Zeitleiste zusammenführt. Ereignisbasierte Steuerung bedeutet dabei, dass es nicht ausreicht zu wissen, dass ein Prozessschritt stattgefunden hat. Entscheidend ist zu wissen, was passiert ist, wann es passiert ist, unter welchen Bedingungen, wer für die jeweilige Übergabe verantwortlich war, welcher Patientenidentität der Vorgang zugeordnet ist (COI/COC) und ob die für die QA-/QP-Freigabe erforderlichen Nachweise vollständig, konsistent und auditfähig vorliegen.

Compliance als Eigenschaft des gesamten Netzwerks

Die Digitalisierung von ATMPs betrifft klassische GxP-Anforderungen (z. B. EU GMP Annex 11, 21 CFR Part 11, ALCOA+ Datenintegrität), erweitert sich jedoch zunehmend auf Drittplattformen, Cloud-Komponenten, unternehmensübergreifende Schnittstellen, NIS2/KRITIS und DSGVO-Anforderungen.

Mit zunehmender Integration steigen Umfang und Komplexität von Validierung und Audit-Trail-Rekonstruktion. Deshalb ist eine risikobasierte Validierungsstrategie essenziell: Sie konzentriert den Aufwand dort, wo er den größten Einfluss auf Patientensicherheit, Produktqualität und Freigabeentscheidungen hat – bei den relevanten Datenobjekten, Schnittstellen und Kontrollmechanismen.

Auch Resilienz erfordert ein Umdenken. In einer Vein-to-Vein-Umgebung sind Cybervorfälle und Systemausfälle nicht nur IT-Themen – sie können einen zeitkritischen klinischen Prozess direkt unterbrechen.

Traditionelle Business-Continuity- und Disaster-Recovery-Konzepte (BC/DR) fokussieren meist auf die Wiederherstellung von Systemen. ATMPs benötigen hingegen Kontinuitätskonzepte, die entlang des patientenkritischen Pfades und der Abhängigkeiten zwischen Partnern entwickelt werden.

Vom Prozess zur Verfügbarkeit

ATMPs zeigen, dass medizinischer Fortschritt neue Anforderungen an industrielle Prozesse schafft. Personalisierte Medizin wird nur dann operativ beherrschbar, wenn Prozess- und Dateninfrastruktur mit der medizinischen Innovation Schritt halten – sodass Geschwindigkeit, Sicherheit, Compliance und Verfügbarkeit zusammenwirken.

Ein pragmatischer Weg nach vorn besteht darin, eine gezielte Prozess- und Datenanalyse mit konkreten Umsetzungsschritten zu kombinieren:

  1. Den Vein-to-Vein-Prozess als kritischen End-to-End-Pfad abbilden – nicht als getrennte Abteilungsworkflows.
  2. Ein Patient-Batch-Datenmodell definieren und die System-of-Record-Verantwortung für IDs und Statuswerte festlegen (Patient, Entnahme, Batch, Versand, Freigabe).
  3. Einen Ereigniskatalog sowie eine Exception-Taxonomie erstellen (Was kann schiefgehen? Wie wird es erkannt? Wer handelt? Welche Nachweise werden benötigt?).
  4. Eine Integrations-Governance etablieren (API-Strategie, Verantwortlichkeiten für Schnittstellen, Audit-Trail-Ansatz über Partner hinweg).
  5. Compliance-by-Design mit einem risikobasierten Validierungsansatz von Anfang an integrieren (Fokus auf Nachweisführung und Datenintegrität statt auf Dokumentationsvolumen).
  6. Die Resilienz des Ökosystems entlang des Patientenpfades gestalten (Partnerabhängigkeiten, Kontinuität kritischer Ereignisse, Eskalations-Playbooks).

Autoren

Sie möchten mehr über dieses Thema erfahren oder individuelle Herausforderungen diskutieren?
Unsere Ansprechpartner stehen Ihnen gerne für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Sherko-Soltanpanahi-mia

Sherko Soltanpanahi

Manager SAP Data Governance